Hugenotten in Berlin

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Hugenotten in Berlin

Zwischen Einfluss und Ausgrenzung

Hört man in Berlin den Spruch „Ich poliere dir die Visage“, dann liegt Prügel in der Luft. Doch dass der Begriff Visage aus dem Französischen stammt, das wissen die meisten dieser Rohlinge, die einem diese Prügel androhen, zu 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht.

Die „Visage“ – das Gesicht – ist eines der vielen französischen Lehnwörter, die die Hugenotten, die Ende des 17. Jahrhunderts nach Preußen einwanderten, mitgebracht haben und die in die Berliner Umgangssprache eingeflossen sind.

Der bekannteste aus dem Französischen entlehnte Ausdruck zwischen Havel und Spree ist sicherlich „Bulette“, die anderswo in Deutschland Fleischpflanzerl, Frikadelle oder Hackklops genannt wird. Oder Kartoffelpüree – auch Kartoffelpü. So werden in Berlin die gestampften Kartoffeln genannt. Der Polier auf dem Bau ist abgeleitet vom französischen „parlier“, dem Sprecher oder Wortführer einer Arbeitskolonne. Wer einen Muckefuck schlürft, trinkt einen „mocca faux“, also eine Kaffeeplörre.

Der Einfluss der Hugenotten speziell auf die Entwicklung Preußens kann nicht unterschätzt werden, doch dazu später mehr.

Historische Wurzeln der Flüchtlingsbewegung

Wie kam es zur Migration von etwa rund 200.000 französischen Protestanten aus Frankreich und der Einwanderung von etwa 20.000 Hugenotten nach Berlin beziehungsweise Preußen. Und welche Einflüsse haben diese Réfugiés hinterlassen?

Dazu bedarf es zunächst eines Blicks auf die andere Seite des Rheins nach Frankreich, wo sich im 16. und 17. Jahrhundert ein nahezu hundertjähriger Religionskrieg abspielte.

Ganz im Gegensatz zu heute spielte die Religion im Zeitalter der Reformation eine entscheidende Rolle. Sie bestimmte das alltägliche Leben viel mehr als heutzutage und war nach dem Grundsatz „Cuius regio, eius religio“ – „Wes der Fürst, des der Glaub“ geprägt.

Im ausgehenden 16. Jahrhundert wurde Frankreich von acht Religionskriegen erschüttert, die in einer Gewaltspirale endeten. Aus dieser Zeit stammt im Übrigen der Begriff des Massakers, der ursprünglich für das Schlachten von Tieren auf der Schlachtbank des Metzgers benutzt wurde, aber aufgrund der Blutströme, die aus Menschenblut bestanden, eine Bedeutungsänderung erfahren hat. Durch den ständigen Wechsel von Sieg und Niederlage, von Toleranzedikten und Terrormaßnahmen führten die Kriege zu einer Eskalation der Gewalt auf beiden Seiten.

Einwanderungsland Preußen

Das Edikt von Nantes von 1598, das der französische König Heinrich IV. erließ, gestattete den französischen Protestanten Gewissensfreiheit und unter Einschränkungen die Ausübung reformierter Gottesdienste. Eine kurze Atempause, denn dies war ein trügerischer Friede. Schon der Enkel Heinrich des IV., Ludwig XIV., begann damit, die reformierten Untertanen erneut zu unterdrücken und zu verfolgen und so ergoss sich ein Strom von Migranten seit 1679 aus Frankreich in die protestantisch geprägten Teile Europas.

Im protestantischen Preußen war man infolge der Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges an Zuzug und Know-how interessiert, so dass der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst genannt, mit dem Edikt von Potsdam (1685) die französischen protestantischen Flüchtlinge nach Brandenburg zur Einwanderung bewegen wollte.

Privilegien machten es den Neuankömmlingen leichter

Zahlreiche Privilegien machten den Hugenotten die Ansiedlung schmackhaft. Eine eigene Rechtsprechung und Verwaltung, eigene Kirchengemeinden und Schulen wurden zugesichert. Das „Collège Français de Berlin“, das Französische Gymnasium, wurde 1689 von den Hugenotten gegründet und existiert heute noch in der Derfflinger Straße.

Mit den Hugenotten kamen insbesondere dringend benötigte Spezialisten nach Berlin und Brandenburg. Wenn die Flüchtlinge nicht in Berlin in ihrer Community lebten, so siedelten sie als „Kolonisten“ in eigenen Siedlungen in den ländlichen Regionen Brandenburgs. Französisch-Buchholz im Norden Berlins erinnert noch daran, ebenso wie der Französische Dom in Berlin Mitte oder der ihn umgebene Gendarmenmarkt.

Vorurteile gegen Migranten

Doch mit offenen Armen wurden die Neuankömmlinge zumindest von der angestammten Bevölkerung nicht immer empfangen. Fremdenfeindlichkeit gab es auch in jener Zeit. So konnte man von der angestammten preußischen Bevölkerung vielfach hören: „Die deutsche Sprach’ kommt ab, ein’ andre schleicht sich ein. Wer nicht französisch redt, der muss ein simpel sein“. Denn allenthalben wurde nun an vielen Stellen in Berlin Französisch gesprochen, das bei den Hugenotten noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem kirchlich in Gebrauch blieb.

So manch einer mag auch über so gediegene Speisen wie Kaffee, Salat, Spargel, grüne Bohnen oder Weißbrot die Nase gerümpft haben, allesamt Mitbringsel der Einwanderer, die heute feste Bestandteile der Berliner und brandenburgischen Küche sind. So wie später die Dönerbox, Falafel oder die vietnamesischen Pho.

Text: Frank Tetzel

Die Familie Lüderitz - das Buch

Auch die Familie des Arztes Carl Lüderitz (1854-1930) gehörte zur Gemeinde der Hugenotten. Der Berliner Armenarzt gilt als der Erstbeschreiber des peristaltischen Reflexes.

Alles begann mit der Suche nach einem Foto von Dr. Carl Lüderitz und endete in einer Familienchronik über drei Jahrhunderte. In dem Buch „Die Familie Lüderitz“ trugen die drei Autoren – ein Humanbiologe, ein Historiker und ein Psychologe – Unmengen von Material zusammen und erlauben Einblicke in eine Recherche zwischen Google und Kirchenarchiven.

Paul Enck, Gunther Mai, Michael Schemann: Die Familie Lüderitz. Geschichte und Geschichten aus drei Jahrhunderten. Hayit Sachbuch, Köln 2021, 19,99 Euro

Das Buch ist auch als E-Book hier erhältlich.

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