Behandlung für lau – Armenärzte in Berlin

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Behandlung für lau: Armenärzte in Berlin

Im Berlin des 19. Jahrhunderts linderten Armenärzte das Elend bedürftiger Menschen

Das Zeitalter der Industrialisierung hinterließ auch in der deutschen Hauptstadt seine Spuren. Die soziale Not war groß und die Segnung der Krankenversicherung noch Zukunftsmusik. Sogenannten Armenärzten oblag die Fürsorge etwa für Arbeits- und Obdachlose, Waisen oder Prostituierte.

Stimmt das wirklich? Früher war alles besser? Jene immer wieder gern bemühte Lebensweisheit gerät beim genauen Hinschauen jedenfalls schnell in Schieflage. Es braucht als Gegenbeweis nur einen Blick ins vergangene Jahrhundert, das uns Deutschen neben zwei Weltkriegen und einer epochalen Wirtschaftskrise die vorübergehende Teilung unserer Heimat bescherte. Oder noch weiter zurück. Ins 19. Jahrhundert, einer Zeit, die von enormen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen betroffen war. Einer Zeit, in der das Deutsche Reich als erster deutscher Nationalstaat entstand und die Industrialisierung aus Bauern Fabrikarbeiter machte. Einer Zeit der Unruhe, der Landflucht und Verstädterung, explodierender Bevölkerungszahlen, übler Arbeitsbedingungen, niedriger Löhne und wirtschaftlicher Not.

Berlin als Industriestandort

Auch das Berlin des 19. Jahrhunderts – damals noch keine hippe Adresse für Städtereisende aus aller Welt – spürte den Atem der Veränderungen. Fabriken entstanden, bekannte Unternehmen wie Borsig oder Siemens öffneten ihre Pforten. Berlin wurde zur Industriestadt, was für einen rasanten Zuzug von Arbeitern und Tagelöhnern sorgte.

Armut war damals keine Ausnahmeerscheinung, und Krankheit ebenfalls nicht. Für viele war das Leben und Überleben ein täglicher Kampf. Wer sich schlecht fühlte, konnte nicht einfach beim Arzt seiner Wahl vorsprechen und die Begleichung der Behandlungskosten seiner Krankenversicherung überlassen. Diese wurde erst 1883 von Reichskanzler Otto von Bismarck „erfunden“, und selbst zur Jahrhundertwende kamen noch deutlich über Dreiviertel der Bevölkerung nicht in den Genuss dieser segensreichen Einrichtung.

Im Dienst für die Armen

Um die Mittellosen kümmerten sich sogenannte Armenärzte. Solche wie der Berliner Dr. Carl Lüderitz, ein Spross aus gutem Hause, der zwanzig Jahre lang eine Armensprechstunde unterhielt und seine Patienten dort kostenlos versorgte, ihnen Medikamente verschrieb und sie im Notfall ins Krankenhaus überwies. Es waren üblicherweise niedergelassene praktische Ärzte, die – eine amtliche Bestellung durch die Armenverwaltung der Bezirke vorausgesetzt – ihren Dienst als Armenärzte versahen und dafür aus der Stadtkasse bezahlt wurden.

Den Armenärzten bot sich Tag für Tag ein Bild des Jammers. Menschen mit schlecht bezahlter oder ohne Arbeit kamen zu ihnen und solche ohne Obdach. Kinder gehörten ebenso zu ihren Patienten wie das Heer der Berliner Prostituierten. Wer ein Zuhause hatte, lebte oft in qualvoller Enge in heruntergekommenen Mietskasernen ohne Licht und Luft, in überhitzten Mauern und sich drängenden Hinterhöfen, in Schmutz und ohne eine ausreichende wie gesunde Ernährung. Und an den meisten der Krankheiten, an denen diese Menschen litten, waren die katastrophalen Umstände schuld, unter denen sie lebten und arbeiteten. Die Armenärzte behandelten die durch verdorbene Milch verursachte Sommerdiarrhöe kleiner Kinder, Lungentuberkulose, Cholera und andere Seuchen, Geschlechtskrankheiten oder die Folgen verpfuschter Abtreibungen und roher Gewalt. Für manchen bedeutete der Einsatz der Mediziner die Rettung, aber oft genug gab es auch keine Hoffnung, stattdessen nur Siechtum und Tod.

Text: Sabine Mattern

Die Familie Lüderitz - das Buch

Dr. Carl Lüderitz war von 1883 bis 1903 amtlich bestellter Armenarzt in Berlin.

Es begann mit der Suche nach einem Foto von Dr. Carl Lüderitz und endete in einer Familienchronik über drei Jahrhunderte. In dem Buch „Die Familie Lüderitz“ trugen die drei Autoren – ein Humanbiologe, ein Historiker und ein Psychologe – Unmengen von Material zusammen und erlauben Einblicke in eine Recherche zwischen Google und Kirchenarchiven.

Paul Enck, Gunther Mai, Michael Schemann: Die Familie Lüderitz. Geschichte und Geschichten aus drei Jahrhunderten. Hayit Sachbuch, Köln 2021, 19,99 Euro

Das Buch ist auch als E-Book hier erhältlich.

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