Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, Reinhard Mey wird 65<bR><BR>
von Frank Tetzel
Die "Generation Golf", wie Florian Illies - die um die Vierzigjährigen mal genannt hat - sind mit ihm aufgewachsen. Und auch die Jüngeren haben die eine oder andere Melodie im Kopf, wenn sie den Namen Reinhard Mey hören. Der Liedermacher feiert jetzt seinen 65 Geburtstag. "Wind Nordost, Startbahn 03... über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Selbst am Lagerfeuer während unserer Ruderwanderfahrten Anfang der achtziger Jahre... haben wir diesen Song gesungen und er ist, gelinde gesagt, fast zu einem Volkslied geworden. "Gute Nacht Freunde, es ist Zeit für mich zu gehn".... ist nur eines dieser Lieder.
Auch Meys Weg war nicht immer einfach, doch Anfang der 70er Jahre regneten die ersten Goldenen Schallplatten auf ihn herab, aber er hatte zuvor lange genug „im kalten Regen gestanden“, um die Rückseite der Medaillen zu kennen und sich beim Lächeln manches Gratulanten noch dessen ehemals mitleidiger Ablehnung zu erinnern.
Zu lang war der Weg bis dahin und zu steinig, als daß ihn so viel plötzlicher Glanz noch hätte blenden können. Und es konnte ihn nicht aus dem Lot bringen, als ihn sein Publikum aus den Kellertheatern in die großen Theater und aus den Clubs in die Konzertsäle trug: Es war die Erfüllung seines Wunsches und er hatte lange dafür gerungen und gesungen.
Es war die Zeit der ersten großen Tournee mit dem grade mutig in die Selbständigkeit aufgebrochenen Veranstalter Peter Graumann. Eine Begegnung, aus der eine lebenslange Partnerschaft und Freundschaft werden sollte. Viele hundert Konzerte haben die beiden bestritten, ein paar Mal dabei den Umfang des Erdballs auf den Straßen Deutschlands, Frankreichs, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Österreichs und der Schweiz abgefahren. Die „Silberhochzeit“ haben die beiden lange hinter sich, sind längst zur kleinsten Großen Tournee auf dem Kontinent geworden. Dabei haben sie – absolut einmalig in diesem Haifischbecken - nie einen schriftlichen Vertrag miteinander gehabt, ihre Zusammenarbeit beruhte auf einem Wort und einem Handschlag im Jahre 1971.
Reinhard Mey ist Freigeist, Freidenker, einer, der es von seinen ersten Liedern an abgelehnt hat, mit den Wölfen zu heulen. Gleich den ersten, noch so bescheidenen Erfolg hat er in die Wahrung seiner uneingeschränkten Gedanken-, Rede- und Handlungsfreiheit umgemünzt, um frei zu bleiben gegenüber Produzentenwünschen, Medienverlockungen und Vorgaben der Plattenfirmen.
Er hat sich keinem Trend angeschlossen, keiner Mode unterworfen, von keiner Partei, keiner Interessengruppe und keinem Konzern einvernehmen lassen. Er duldet heute wie damals keinen Sponsor für seine Tourneen, er macht für kein Produkt Werbung und gibt keinen Ton und keine Zeile seiner Lieder dafür her. Mey ist nicht auf Galas zu sehen, nicht auf Vernissagen und nicht da, wo die üblichen Verdächtigen die Kreation einer „Hunde-Wellness-Line“ feiern. Man sucht ihn vergebens auf den bunten Fotos mit den Lächlern, die sich an ihren Schampusgläsern festhalten, bei den Häppchen oder in der Schlange am kalten Buffet.
Man wird ihn nicht auf Kanzlerfesten treffen und nicht bei der Pirouette auf dem Roten Teppich vor der Filmpremiere. Mey gehört keinem Event-Manager, keinem Politiker und keinem Medienzaren, Mey gehört nur sich selbst. Er ist unkäuflich und unverkäuflich, „niemands Herr und niemands Untertan“, wie er singt, niemandem verpflichtet, außer seinen eigenen Idealen und dem Respekt seiner Zuhörer.
Seine Lieder sind wie Theaterstücke, sind Dramen und Komödien, sind Posse und Requiem. Sie sind voller Trauer und Freude, voller Spott und Mitgefühl, voller Trost – und all diese Empfindungen sind ganz nah beieinander in seinen Liedern, wie in unserem Leben. Es sind private Weltereignisse, selbst erlebt, miterlebt, tief nachempfunden und in einer von immer treffenden Bildern reichen Sprache meisterhaft erzählt.
Es sind originalgetreue Miniaturen, in denen man auch beim hundertsten Mal hören noch eine neue Wendung, ein verstecktes Lächeln, einen hintergründigen Seitenhieb entdeckt. Es sind meisterhaft geschmiedete Verse, mit unbändiger Freude an der Sprache und brillantem Wortwitz Silbe für Silbe liebevoll ziseliert, Zeugnis einer vom Aussterben bedrohten Kunst, in der er ganz einfach nicht zu übertreffen ist.
Herzlichen Glückwunsch, Reinhard Mey